#06 – Die Angst, die blockiert.

Ein schwarzweißer dunkler Tunnel mit Licht am Ende.

Liebes Journal,

Meine Angst blockiert mich.

Bereits in meinem Journal #04 schrieb ich über die Erkenntnis, dass mich meine Ängste daran hindern tatsächlich an meinen Leben teilzunehmen. Und ein Teil von mir hoffte, dass ich das Thema nicht mehr aus den Augen verliere. Doch tatsächlich blieb ich weiterhin von echtem Fortschritt abgeschritten und die Überwindung meiner Ängste war und ist blockiert.

In der letzten Woche habe ich mich viel mit meinen Ängsten auseinander gesetzt, die mich gerade daran hindern mich dem Wunsch ein Kind zu kriegen realistisch gegenüber zu stellen. Seit Monaten blockiere ich das Thema bei meinem Mann und weigere mich darüber zu reden. Erst eine Panikattacke und ein Gespräch mit meiner Therapeutin haben jetzt gerade etwas Licht in das Dunkel gebracht.

Meine Blockade zeigt sich übrigens darin, dass ich wirklich nicht abnehme und ich mich selbst mit alten Erinnerungen über Fehler, die ich bei Kindern mal gemacht habe und in der Schwangerschaft eventuell als meine Fehler gesehen werden könnten – wenn jemand eine echt böse Ader hat – ständig in meinem Kopf behalte.

Angst erkennen und benennen

Inzwischen bin ich bei der Analyse meiner Probleme weiter. Allerdings war das nur nebensächlich ein schleichender Prozess. Das meiste fand in der letzten Woche wie ein Hammerschlag statt und schmiss mich in einer Panikattacke und ein paar Tage später während meiner Therapiesitzung in eine Spirale aus Selbstmitleid, Selbstmitgefühl und Selbsterkenntnis.

Zunächst einmal habe ich erkannt, wie hoch meine Angst vor einer weiteren Fehlgeburt ist. Unsicher, ob ich solch eine Zeit noch einmal durchstehen könnte. Unsicher, ob ich es überleben würde mich erneut wie ein lebender Sarg für mein Baby fühlen zu können. Und unsicher, ob ich jemals zu der Erkenntnis kommen kann, dass ich nicht schuld an einer Fehlgeburt bin.

Aber dann rückte sich eine ganz andere und viel egozentrischere Angst endlich in den Vordergrund: Ich erkannte, dass ich Angst davor hatte meine Antidepressiva abzusetzen. Denn genau das würde bei einer erneuten Schwangerschaft unabdingbar sein. Meine Antidepressiva können laut Packungsbeilage einem Fötus schaden.

Dann bekam ich eine Panikattacke wie sie im Buche steht. Stark, lang und mit allen Mitteln. Aber ich habe es geschafft mich dabei nicht selbst zu verletzen. Darauf bin ich stolz.

Wir – mein Mann und ich – entschlossen uns das Thema erst einmal endgültig vom Tisch zu nehmen. Es ist nicht absehbar wann ich dazu bereit bin ein Kind zu bekommen.

Da ist doch noch mehr

Ein paar Tage später unterhielt ich mich mit meiner Therapeutin. Wir unterhielten uns über die Ängste, die ich selbst schon identifiziert hatte und warum dies gar nicht die primären Ängste waren. Ich mag meine Therapeutin. Sie hört aus meinen Antworten immer dreimal soviel raus, wie ich eigentlich bereit bin zuzugeben.

Also begann sie nachzubohren und ich sprach mit ihr über meine aktuellen Probleme mich mit Kindern zu beschäftigen und warum ich eigentlich Kinder will.

Die Wahrheit ist, dass ich nach kürzester Zeit, die ich momentan mit Kindern verbringe eine tiefe Verbitterung in mir spüre. Erst entschied ich mich Anfang 20 gegen ein Kind und dann verlor ich mit 27 mein zweites Kind. Um mich herum wurden in des 8 Kindern geboren mit denen ich theoretisch näheren Kontakt pflege. 6 davon von Menschen, die ansonsten ihr Leben in den Augen meines Pflichtbewussten inneren Kindes nicht gut im Griff hatten.

Die Verbitterung verspüre ich bereits seit Jahren, aber nach dem verlorenen Kind wurde sie kalt, hart und schmerzhaft. Gegenüber unschuldigen Kindern verspüre ich eine Verbitterung und ich habe große Angst, dass eines der Kinder sie verspüren könnte.

Aufgrund meiner Kindheit, die viel mit emotionaler Vernachlässigung, Zurückgelassen werden und Liebesentzug zu tun hatte, habe ich furchtbare Angst davor einem Kind das Gefühl zu geben unerwünscht oder ungeliebt zu sein. Kinder sollen einen Start ins Leben bekommen, der von Fürsorge, Liebe und Verständnis geprägt ist.

Die Trauer, die ich im Umgang mit Kindern empfinde, dürfen sie ruhig spüren. Kinder können Trauer verarbeiten, aber Gefühle wie Missgunst und Verbitterung sollte kein Kind spüren. Besonders nicht, wenn der einzige Grund ist, weil es auf die Welt kommen durfte und mein Kind nicht.

Meine Therapeutin und ich waren auf einen wichtigen Aspekt gestoßen: Die Angst so zu sein, wie meine Mutter. Den Kindern mit Liebesentzug zu begegnen oder ihnen das Gefühl zu geben nicht erwünscht zu sein oder sie sich selbst zu überlassen. Diese Gefühle lähmten mich und die Erkenntnis befreite mich von einigen meiner Ketten.

Bedeutet das, dass meine Mutter eine schlechte Mutter war? Ich weiß es nicht, denn ich rede mit der Therapeutin über die Erinnerungen, die ich an meine Kindheit habe. Über die Erinnerungen an einen abwesenden Vater und eine emotional unerreichbare Mutter. Meine Mutter mit der ich guten Kontakt habe, habe ich lieb und betrachte sie inzwischen fast vollständig unabhängig von meinen Erinnerungen.

Trotzdem bleibt die Angst, dass ich Kindern gegenüber das gleiche Verhalten an den Tag lege, dass ich in der Erinnerung an meine Kindheit habe. Schließlich wiederholt man im Leben oft Dinge, die man selbst so gelernt hat. Und das Verhalten von Erwachsenen zu Kindern, lernt man nun mal durch seine eigene Kindheit.

Schatz, wir müssen reden

Als ich nach Hause kam, bat ich meinen Mann kurz mit mir zu reden.

Ich erzählte in von meiner Angst wieder eine Fehlgeburt zu haben, davor mir selbst etwas anzutun sobald ich die Antidepressiva absetze, davor nicht perfekt zu sein und davor wie meine Mutter zu sein.

Mein Mann weiß, was ich gerade mit dem letzten teil meine, denn er arbeitet seit über 10 Jahren mit mir meine Depression Stück für Stück auf und ich glaube, selbst ihn erschreckt es teilweise wie tief meine Verletzungen sitzen.

In der Therapiesitzung haben wir auch über das perfekt sein geredet. Ich will die perfekte Mutter sein, die niemals Fehler macht. Dass das unmöglich ist, weiß ich eigentlich, trotzdem habe ich tierische Angst. Ich muss den perfekten Körper haben um ein Kind zu haben, das perfekte Leben führen und immer perfekt auf alle Gefühle und Bedürfnisse des Kindes reagieren können.

Was für ein Unsinn eigentlich. Anderen Menschen und vor allem anderen Müttern würde ich immer sagen, dass es okay ist Fehler zu machen, wenn man nur versucht aus ihnen zu lernen. Ich weiß, dass ich mit dem Zwang zum Perfektionismus nicht alleine bin. Eine Studie dazu vom Kölner rheingold Institut (im Auftrag von Milupa) hat dazu interessante Ergebnisse geliefert. Bei dem Magazin „Eltern“ gibt es dazu einen schönen Beitrag.

Und mein Mann wusch mir den Kopf, was die Angst betraf, Kindern mit Verbitterung und emotionaler Härte oder Gleichgültigkeit gegenüber zu treten. Er erinnerte mich daran, wie gerne mich meine Nichten und Neffen hatten. Wie viel Liebe ich den Kindern im Rahmen meiner Möglichkeiten gebe und wie herzlichen ich mit ihnen umgehe.

Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich mein Herz leichter an. Jetzt gerade, wo ich das hier runtergeschrieben habe heule ich. Ich glaube es sind gute Tränen, den sie beginnen mich zu heilen. Doch als ich anfing diesen Beitrag zu schreiben, hätte ich diese Tränen jetzt nicht erwartet. Ich weiß, dass diese Angst noch nicht vollständig überwunden ist, doch ich habe Hoffnung.

Ein schwarzweiß Foto von einer winzigen Babyhand, welche einen Finger einer erwachsenen Hand umschließt. Ein Bild voller Hoffnung und Erkenntnis.

Ein Wunder geschieht

Völlig überraschen schaute ich gestern zum ersten Mal seit zwei Jahren nach Babysachen. Ich habe für ein Kind ein Geschenk gekauft, den ersten Mönkel, und dabei wurden mir dann auch Kinderspielsachen wie ein Baby-Schnuffeltuch vorgeschlagen. Anstatt wie sonst schnell die Seite zu verlassen klickte ich drauf.

Und dann klickte ich weiter. Oh ist das ein hübsches Babybett! Also so einen Kinderwagen hätte ich dann ja schon gerne, wenn wir ein Baby haben! Was für ein niedlicher Strampler!

Und nicht einmal spürte ich währenddessen einen kalten Stich im Herzen, sondern nur Begeisterung und ja, wieder diesen leichten Hoffnungsschimmer. Ein Knoten hat sich in meiner Brust gelöst und ich denke, dass ich beginne zu heilen.

Mein Kinderwunsch wurde in den letzten Monaten zu einer Situation, die mich in Zugzwang und Angst versetzte und jetzt empfinde ich das nicht mehr so.

Ja, ich möchte weiterhin abnehmen.

Ja, meine Antidepressiva abzusetzen macht mir immer noch Angst.

Ja, es ist aktuell vielleicht noch nicht die richtige Situation direkt mit der Umsetzung anzufangen.

Aber ich freue mich über diese Erkenntnis und die Hoffnung, die sie mit sich gebracht hat.

Was soll dieser Beitrag eigentlich?

Ehrlich, ich hab keine Ahnung. Aber ich dachte mir, dass es vielleicht auch anderen hilft mal zu hören, wie tief teilweise die Gründe für Angst und Depression sitzen können. Meine Situation ist einzigartig, wie es jede Situation auf diesen Planeten ist, aber trotzdem bin ich nicht die einzige die mit diesen Problemen zu kämpfen hat.

Wenn es dir ähnlich geht wie mir, dann wird es dir helfen nicht aufzuhören nach den Gründen für deine Angst zu forschen. Sondern es wird dich blockieren in Situationen, die du gar nicht mit deinen Ängsten in Verbidung bringst. Häufig braucht man dafür professionelle Unterstützung und das ist okay.

Und manchmal hat man auch nicht die Kraft sich allen Ängsten auf einmal zu stellen. Dann lässt man sich in einer Situation blockieren, bis es eben weitergehen kann. Ich brauchte diese extreme Panikattacke um mich den ganzen wieder zu stellen und zum ersten Mal seit Jahren freue ich mich uneingeschränkt darauf, an Ostern meinen Schwager und seine Kinder zu besuchen.

Ich habe keine Angst mehr davor den Kindern mit Verbitterung und Missgunst gegenüber zu treten, denn ich bin nicht die Person, die meine Ängste aus mir machen wollen.

Ich bin Tante Laura, die mit Herzlichkeit und Begeisterung ankommt, die etwas zum Lesen mitbringt und mit Geduld auch dem schummelnden Kind beim Brettspiel nicht die Liebe entziehen wird.

Und ich glaube, der einzige Mensch auf der Welt, der sich mehr über diese Erkenntnis freut als ich, ist mein Ehemann. Meine Gefährte und Steuermann durch dunkle Zeiten und tiefe Gewässer.

Bild von Wasser in der Sonne mit meinen Füßen. Ein Tag ohne Angst aus dem Sommer.

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