Das Café und der Punk

Die Theke eines Cafés mit rustikalem Charme.

Es ist Montag 16 Uhr. Ich öffne die Tür zum Café.

Im Café ist alles wie immer, die Bedienung kommt zu mir und fragt mich, was ich möchte. Sie ist neu, sonst wüsste sie, dass ich jeden Tag das gleiche möchte. Freundlich bestelle ich einen Latte Macchiato mit Nougat und einen Bananensplit mit extra Sahne und wende mich wieder meinem Laptop zu.

Er ist alt und die Sternchen-Taste fehlt. Trotz seiner langen Dienstzeit funktioniert er noch einwandfrei. Ich brauche nicht viel außer meinem Schreibprogramm und mein Mindmap-Programm.

Geschmeidig bewegen sich meine Finger über die Tastatur und arbeiten am nächsten Kapitel meines aktuellen Romans. Es ist lediglich ein Groschenroman und schreibt sich von selbst, man kann von der Arbeit leben, aber man muss sich keine wirklichen Gedanken über die Geschichte machen. Solche Romane werden von gelangweilten Hausfrauen und kleinen Mädchen gekauft. Jeder Roman ist wie der letzte. Solange sich der Kram verkauft, muss man auch nichts daran ändern.

Mit einem Blick in den Raum sehe ich die anderen Gäste.
Vorne am Fenster sitzt die Dame mit dem viel zu großen Hut und dem Mops, ihr Hut lenkt trotz seiner außergewöhnlichen Form nur wenig von ihrer imposanten Nase ab. Sie trinkt einen Kaffee und isst den Kuchen des Tages. Montags isst sie immer ein Stück Kuchen, sonst trinkt sie nur einen Kaffee.

Nicht selten habe ich sie genutzt um einen Charakter für meine Bücher zu haben. Rechts von mir sitzt ein junges Pärchen und himmelt sich gegenseitig an. Jeden Tag sitzt hier ein anderes junges Pärchen und himmelt sich an. Überhaupt erlebt man in solch einem Café selten etwas anderes als Routine. Die Menschen sind eben doch Gewohnheitstiere.

Gerade als ich den nächsten Absatz beendet habe kommt die junge Bedienung wieder und stellt meine Bestellung vorsichtig auf dem Tisch ab. Ein wenig Latte Macchiato kleckert auf das Tablett auf dem die Bestellung steht. Sie entschuldigt sich mehrmals, doch ich winke nur mit einem höflichen Lächeln ab. Ihre Ungeschicktheit ärgert mich, doch da sie neu ist, ist sie noch nicht Teil der Routine. Ich löffele die Sahnehaube des Bananensplits ab und arbeite mich von rechts nach links vor.

Ein älterer Mann kommt herein. Seine Hose ist zerrissen und er trägt einen blauen Norwegerpullover, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Der Barista begrüßt ihn freundlich. Mike ist ein Obdachloser aus diesem Viertel, der hier jeden Tag seinen Kaffee zu sich nimmt. Sein Hund Henry sitzt brav draußen vor der Tür und wartet auf das Stück Kuchen, dass der Barista ihn immer schenkt.

Mike macht der Dame mit dem viel zu großen Hut ein Kompliment und lobt auch ihren Hund für sein schönes Fell. Leicht errötend bedankt sie sich und wimmelt ihn freundlich ab. Sie sieht ihn trotzdem noch hinterher, wie jeden Tag.  

Es ist jetzt fünf. Ich nehme einen großen Schluck aus meinem Kaffee und beende meine Arbeit für heute. Mein Tagesziel von einem halben Kapitel ist fertig. Ich fahre meinen Rechner herunter und stehe auf. Das Geld liegt auf den Tisch.

Es ist Dienstag 16 Uhr. Ich öffne die Tür zum Café.

Die neue Bedienung ist auch heute wieder da, sie wirkt weniger nervös als gestern.
Nachdem ich erneut meine Bestellung freundlich wiederholt habe und meinen Laptop gestartet habe, bemerke ich die ältere Dame. Sie trägt heute einen großen grünen Hut mit einer Pfauenfeder. Ihr Mops sitzt schnaufend auf ihren Schoß und knabbert an einem Hundekeks herum. Mit abgespreizten kleinen Finger nippt sie an ihrem Kaffee, sie stößt mit dem Tassenrand an ihre große Nase.

Ich lehne mich ein wenig zurück und sehe aus dem Fenster. Langsam werden die Blätter bunt vom Herbst gefärbt. Schon wieder ist ein Jahr rum.

Ob meine Mutter mich auch dieses Jahr wieder unter Androhung von Enterbung zwingt an Weihnachten bei ihr zu sein. Und wahrscheinlich wird mich Lea wieder zu ihrer Silvesterfeier einladen. Sie wird mir Vorwürfe machen, dass ich mich zu wenig melde. Ihr Freund Roger wird einen Scherz machen, dass im neuen Jahr alles besser wird, nur ich werde weiterhin die Alte bleiben. Dabei bin ich gar nicht alt.

Ich starre auf meinen Bildschirm. Noch stehen dort wenig Zeilen, also lasse ich meine Finger über die Tastatur fliegen und ein paar Füllsätze einfügen. Ich löffele die Sahnehaube des Bananensplits ab und arbeite mich von rechts nach links vor. Am Tisch nebenan sitzt heute ein Punk mit blaugrünen Haaren, der einen großen Schokobecher bestellt hat.

Ich betrachte ihn kurz, wahrscheinlich wartet er auf seine Freundin. Das obligatorische verliebte Paar ist heute nicht da. Stattdessen sitzen drei ältere Männer in der hinteren Ecke und spielen zusammen Skat. Sie kommen jeden Dienstag hierher, während ihre Frauen zusammen beim Sport sind. Ihre Unterhaltungen sind oft laut genug für das ganze Café.

Die Klingel an der Tür ertönt und ich sehe auf. Es ist Mike, der kommt um sich seinen Kaffee abzuholen. Henry wartet vor der Tür und wedelt müde mit dem Schwanz. Vor dem hinaus gehen macht Mike der älteren Dame ein Kompliment und lobt den Mops für sein seidiges Fell. Wieder wimmelt die erröteten ältere Dame Mike ab und nippt an ihren Kaffee.

Henry springt an Mike hoch, der das Stück Kuchen für ihn auspackt und ihn fressen lässt. Die Dame sieht verstohlen hinaus und sieht Mike hinterher, der seine tägliche Runde weiterführt.

Ich trinke einen großen Schluck des Latte Macchiato und beende meine Arbeit für heute. Es ist fünf Uhr. Ich lege das Geld auf den Tisch und schultere meine Tasche. Auf dem Weg nach Hause schmeiße ich Mike eine Münze in seinen Hut. Er sitzt um die Ecke vor dem Blumenladen.

Es ist Mittwoch 16 Uhr. Ich öffne die Tür zum Café.

Die eingeübte Bedienung ist wieder da und bringt mir ungefragt meine Bestellung. Die alte Dame sitzt da mit ihren Mops und nippt am Kaffee. In der hinteren Ecke sitzt ein Pärchen und teilt sich einen Pärchen-Eisbecher. Der Barista nutzt die freie Zeit, um alle Eisbecher einmal abzustauben.

Die Bedienung kommt und stellt meine Bestellung vor mir ab, während ich starr auf meinen Bildschirm schaue und weiterschreibe. Ich löffele die Sahnehaube des Bananensplits ab und arbeite mich von rechts nach links vor.

Die Tür geht auf und ich sehe auf. Es ist der Punk von gestern. Er bestellt einen Kinderbecher. Einen Pinocchio Becher. Unsere Blicke kreuzen sich kurz, er lächelt. Ich sehe weg und widme mich wieder meiner aktuellen Arbeit.

Ein weiteres Mal geht die Tür des Cafés auf und dieses Mal ist es Mike, er ist etwas spät heute. Henry steht nass und tropfend vor der Tür. Anscheinend waren sie im Park. Nachdem Mike seinen Kaffee und Henrys Kuchen abgeholt hat, macht er der älteren Dame ein Kompliment über ihren Hut und über das seidige Fell des Mopses. Sie wimmelt ihn errötend ab und sieht ihm nach, während er Henry das Kuchenstück gibt.

Es ist fünf Uhr. Ich nehme einen großen Schluck von meinem Kaffee und beende meine Arbeit für heute. Das Geld lege ich auf den Tisch und verlasse den Laden. Auf den Weg nach Hause schmeiße ich Mike eine Münze in seinen Hut und kaufe einen Strauß gelber Blumen für meinen Küchentisch.

Es ist Donnerstag 16 Uhr. Ich öffne die Tür zum Café.

Die Bedienung bringt mir meine Bestellung und ich beginne an der Arbeit des letzten Kapitels. Meine Finger huschen über die Tatstatur, während die ältere Dame mit ihren Mops spricht. In einer Ecke des Cafés sitzen wieder die drei Männer und spielen Skat, anscheinend gehen ihre Frauen nun öfters zum Sport. Ich löffele die Sahnehaube meines Bananensplits ab und arbeite mich von rechts nach links vor.

Die Tür geht auf und der Punk kommt wieder herein, dieses Mal bestellt er sich einen Erdbeerbecher. Er geht wieder auf den Tisch neben mir zu, geht dann jedoch weiter und bleibt bei mir stehen.

„Darf ich mich dazu setzen?“, fragt er höflich. Ich sehe ihn an. Ich runzele kurz die Stirn, nicke dann jedoch zustimmend. Er setzt sich und beginnt seinen Erdbeerbecher zu essen. Wobei er die Sahne vollkommen ignoriert. Ich konzentriere mich wieder auf meine Arbeit und beginne das Ende eines typischen Groschenromans zu schreiben. Ein Happy End mit dramatischer Wendung.

Während die Tür aufgeht blicke ich nach oben und sehe Mike zu, wegen dem Punk kann ich ihn nicht richtig sehen. Doch ich höre wie der Barista ihn seinen Kaffee und das Stück Torte gibt. Mike macht der Dame mit dem Mops ein Kompliment und geht wieder hinaus.

Draußen hockt er sich zu Henry hinunter. Der heute ein Halsband aus Gänseblümchen trägt und den Kuchen freudig verschlingt. Die ältere Dame sieht ihm errötend hinterher. Ich trinke einen Schluck Kaffee und sehe auf.
Der Punk beobachtet mich interessiert.

„ Was machst du hier?“, fragt er plump. Ich zucke mit den Schultern. „Ich arbeite. Mein Job ist es Groschenromane zu schreiben.“ Er scheint kurz zu überlegen und lächelt dann freundlich. „Die Romane in denen die Geschichte immer die gleiche ist und nur die Namen ausgetauscht werden?“ Ich nickte. Seine klischeehafte Vorstellung von Groschenromanen stört mich nicht, da sie sich ziemlich mit meiner eigenen deckt.

„Aber wird das nicht langweilig, wenn man immer nur das gleiche macht?“

„Ich mag Routine“, antworte ich mit einem schnellen, ruppigen Unterton und nehme einen Schluck Kaffee. Er stützt sich vor und isst die letzte Erdbeere aus seinem Becher.

„Wer sich ständig in der Routine versteckt, gibt der Welt keine Chance besser zu werden“, meint er ruhig und ich sehe ihn an.

Dann betrachte ich die Uhr. Es ist vierzehn Minuten nach fünf Uhr. Ich stehe auf und verabschiede mich, dann lege ich das Geld auf den Tisch und schultere meinen Rucksack. Mit einem kurzen Blick zurück, verlasse ich das Café. Auf dem Weg nach Hause werfe ich Mike eine Münze in seinen Hut und bleibe kurz stehen um Henry hinter den Ohren zu streicheln. Ich frage mich, warum er stets vor dem Blumenladen und nicht vor dem besser besuchten Café sitzt.

Es ist Freitag 16 Uhr und 21 Minuten.

Ich bin heute spät dran, da mich der Verkehr aufgehalten hat. Im Café sitzt der Punk an meinem Tisch und isst ein Stück Kuchen. Ich setze mich dazu und fahre meinen Laptop hoch. Dann beginne ich das Ende des nächsten Romans abzuschließen.

Heute ist wieder die neue Bedienung da, sie kommt auf mich zu und fragt nach meiner Bestellung. Ich runzele die Stirn und öffne den Mund um meine übliche Bestellung zu wiederholen, doch dann stocke ich und entscheide mich für eine Eisschokolade mit extra Sahne. Der Punk hebt eine Augenbraue, sagt jedoch nichts.

Es fällt mir schwer heute etwas Vernünftiges auf das Papier oder in den Laptop zu bringen, doch zum Glück ist ein schwaches Ende nicht schlimm, wenn man meinen Verleger fragt.

Ich betrachte die Umgebung und stelle fest, dass die Dame mit dem Mops heute einen für ihre Verhältnisse kleinen Hut trägt. In Kaschmirrot mit einer schwarzen Rose und braunroten Federn. Ich betrachte mir ihren Mantel näher. Er ist aus braunen Leinenstoff und sieht an den Ärmeln recht abgenutzt aus. Ihre Schuhe sehen auch schon aus, als wären sie länger getragen worden. Der Saum ihrer Cordhose ist leicht dreckig.

Es wirkt, als wären ihre besten Zeiten schon seit einiger Zeit vorbei und nun hält sie sich mit ihrer gut ausgestatteten Hutsammlung weiterhin auf der oberen Schicht der Gesellschaft. Auch fällt mir auf, dass sie immer nur einen kleinen Kaffee bestellt, obwohl sie im Café bestimmt jeden Tag mehr als zwei Stunden verbringt.

Dann betrachte ich das Pärchen in der Ecke, obwohl sie sich einen Becher teilen und sich anlächeln. Kann ich durch die paar Gesprächsfetzen erkennen, dass sie anscheinend unzufrieden sind. Die junge Frau tippt gelangweilt mit dem Fingern der linken Hand auf den Tisch und spielt mit ihren Löffel im Eisbecher, während ihr Freund etwas von seinem letzten Fußballturnier erzählt.

Er scheint nicht zu merken, wie uninteressant sie dieses Thema findet. Dann betrachte ich wieder eine Weile meinen Bildschirm und lösche die letzten beiden Kapitel meiner Geschichte und beginne von neuem. Dieses Mal würde es ein trauriges Ende geben, ein unerwartetes. „Du lächelst zum ersten Mal beim Schreiben.“

Ich sehe den Punk an. Vielleicht hat er damit Recht. Früher habe ich gerne geschrieben, wann hat mein Interesse für spannende Geschichten und überraschende Wendungen einfach abgenommen?
Wann habe ich angefangen nur noch einheitliche Geschichten zu schreiben, bei dem man die Handlung schon wusste, wenn man nur genug Bücher aus dem Genre gelesen hatte?

Die Tür des Cafés geht auf und Mike kommt herein. Ich klappe meinen Laptop zu und betrachte ihn ein wenig. Ich höre ihn zu als er der Dame ein Kompliment macht und wie er sich beim Barista bedankt, dann will er wieder zur Tür gehen.

„Mike!“, höre ich mich rufen. „Mike! Warte mal. Ich hab ein Angebot für dich, möchtest du es dir anhören?“ Er dreht sich um und lächelt mich an, dann schlendert er zu mir rüber und der Punk steht auf und geht. Lächelnd.

Bevor er aus der Tür geht, dreht er sich noch kurz um. „Bis Montag!“, meint er und verlässt das Café.

Das Bild zeigt einen Tisch mit Laptop in einem Café mit einem halbgetrunkenen Kaffee und einem Schreibblock ohne einen Punk.

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