Märchen: Irrlicht

Bild von einem Bücherstapel mit einer alten Keramiktasse mit Teebeutel.

Ich liebe Märchen und habe mich tatsächlich mal an einem Eigenen versucht. Schreiben liegt mir vielleicht etwas mehr als Dichten, auch wenn ich beides gerne tu. Dies hier ist ein Märchen über Angst, Mut und Freundschaft. Über vermeintliche Freundlichkeit und böse Hexen. Ein Irrlicht soll einem verschreckten Kind den Weg hinaus aus dem Sumpf weisen, doch leider ist das Irrlicht selbst ganz ängstlich. Kann es seine Angst überwinden?

Das ängstliche Irrlicht

Es war einmal ein Kind, dass bei einem Ausflug mit seinen Eltern vom Weg abkam. Es spielte Ball und als dieser tief in den Sumpf flog, rannte es ihm nach. Doch es findet ihn nicht und auch den Rückweg zu seinen Eltern, sieht es nicht mehr.

Die Laterne fest umklammert, läuft es durch den nächtlich werdenden Sumpf. Hinter ihm raschelt und schmatzt der Morast. Ein Tritt auf die falsche Stelle und das Kind sinkt bis zum Knie ein.

Es stürzt. Seine Laterne fällt und erlischt. Mit einem Wimmern zieht es sich aus der Pfütze. Kommt das Rascheln nicht näher? Rasch weiter, nur raus aus dem Sumpf! Nicht weinen!

Die Laterne bleibt liegen, das Kind hastet weiter. Nur begleitet vom fahlen Mondlicht, der Weg kaum noch in Sicht. Ein Aufschrei in der Dunkelheit ist zur hören, dann Stille.

Ein schwaches Licht flackert in der Laterne und schwebt langsam über das Gestrüpp. Es schüttelt sich und gibt ein Summen von sich. Das kleine Irrlicht blickt sich hoffnungsvoll um. Geboren aus der Angst des Kindes und seiner Suche nach Licht. Doch das Kind, findet es nicht.

Etwas Großes kommt näher, furchtsam versteckt sich das Irrlicht in der Laterne. Ein Schatten zieht an ihm vorbei. „Feigling!“, schimpft es sich selbst als der Schatten verschwunden ist. Es lauscht in die Dunkelheit und hofft auf ein Zeichen des Kindes.

Es schwirrt über den Boden, mal hierhin und dorthin. Doch die Fußstapfen des Schattens haben alle Spuren verwischt. Entschlossen plustert sich das kleine Irrlicht auf und folgt dem Schatten. War es nicht geboren, um das Kind aus dem Sumpf zu führen?

Doch beim nächsten Baum schon endet sein Mut, denn ein Uhu steigt schreiend in den Himmel hinauf. Es zittert und zaudert und fällt dann zusammen. Ganz schwach und versteckt in einem Astloch mit geschlossenen Augen.

„Na sowas! Ein Irrlicht? Hier bist du falsch!“, sagt eine kleine Spinne. „Das hier ist mein Heim und ich bin kein Kind!“

Es schaut und bewundert das kunstvolle Netz, durch sein Leuchten es glitzert. Es summt um Verzeihung und verlässt dann ihr Haus.

„Such ruhig weiter, liebes Irrlicht. Menschen sind falsch hier im Sumpf!“

Das Kind! Da hat die Spinne recht. Ein Irrlicht, auch ein ängstliches, ist nicht falsch hier im Sumpf. Doch ein Mensch –oh weh– der findet hier kein Glück.

Erneut prescht es los, den Blick auf den Boden. Sind da nicht kleine Füßchen zwischen den großen Stapfen? Am Waldrand Erleichterung, der Schatten lief weiter, doch das Kind bog links ab.

Das Blätterwerk wird dichter, der Mond kaum zu sehen. Das Kind lief tiefer in den Wald, fort vom Rande des Sumpfs. Es kann doch nicht wissen, wie falsch ist der Weg. Ein großer Stein auf dem Boden, daneben ein paar Murmeln. Ist das Kind hier gestürzt?

Der Schrei! Ja, hier kam er her! Das Kind lief dann weiter, doch es humpelte wohl. Die Spuren sind deutlich. Es war langsam und vorsichtig. Wie klug von dem Kind. In tiefer Nacht ohne Licht, findet man hier nicht den Weg, wenn man hastet und hetzt.

Mit Hoffnung erfüllt, leuchtet das Irrlicht auf. Freudiges Summen entfährt ihn doch dann – zack – ist es gefangen in einem glasigen Käfig. Es flitzt hin und her, drückt gegen die Wände. Oben ein Deckel gehalten durch kräftige Hände. Weiße Zähne, riesig groß und eine Knollnase blitzen vor ihm auf. Matschgrüne Augen und bläuliche Haut. Ein Troll ohne Zweifel.

„Na sieh mal, Igor. Was haben wir hier?“, sagt der Fänger zu einem Gefährten. Der andere ist dick und mit rotem Schopf. Er kratzt sich den Bauch und kichert, dem kleinen Irrlicht fröstelt es plötzlich.

„Sag kleines Irrlicht, sollen wir dir helfen dein Kind zu finden? Wir könnten es braten… ich meine beraten! Hinaus aus dem Sumpf und dem Wald.“

Das Irrlicht denkt nach, es schüttelt den Kopf. Die beiden sind fürchterlich und es graust ihm doch sehr. Bestimmt geht es dem Kind ebenso, bei dem grausigen Paar.

„Nun sei doch nicht, so. Wir Trolle sehen zwar böse aus, doch sind wirklich lieb. Man mag uns nur nicht, wegen den großen Nasen. Wir lieben doch Kinder, genauso wie du!“, beteuert der eine und der andere gluckst: „mit Pfeffer am liebsten!“

Empört plustert sich das Irrlicht auf und brummt nun ganz wütend. Wird groß und ganz rot und das Glas wohl sehr heiß. Der Troll jault auf und lässt es dann fallen. Sie laufen schnell weg, das Irrlicht im Glas. Allein und verlassen. Gefangen und traurig.

Von Trauer erfasst, weint es ganz laut und klagt in die Nacht seine drängende Not. Geboren zum Helfen, braucht es nun selbst, eine helfende Hand. Es weint und weint –gar bitterlich– bis ein Schatten verdunkelt den Rest von der Welt.

„Nun weine nicht, kleines Irrlicht. Wer war das denn bloß? Wer nahm dich gefangen und ließ dich dann liegen? Die Trolle, nicht wahr?“

Das Irrlicht schnieft und sieht dankbar, wie der Deckel sich öffnet. Es fliegt schnell hinaus und dankt seinem Retter. Ein riesiger Mann – Nein! – ein Bär, oder beides. Mit matschigen Händen, eher doch Tatzen, und struppigen Fell. Doch mit Hose und Hemd.

Das Irrlicht blickt hinab zu den Füßen und findet die Stapfen, die dem Kind gefolgt sind. Es summt empört auf. Doch der Bärmann lacht nur.

„Unser Ziel ist doch gleich, mein leuchtender Freund. Bleibt das Kind hier im Sumpf, kommen andere herbei. Es muss Heim zu den Eltern, die suchen es schon!“

Das Lachen des Bärmanns klingt fröhlich und drollig. Er sinkt auf alle Viere und trottet dann los, seine Nase zuckt und schnuppernd sucht er seinen Weg. Neugierig folgt das Irrlicht und sieht dann die Spuren der Kinderfüßchen.

Aufgeregt summt es und flitzt dann voran, der Bärmann stapft hinter drein. Es raschelt und schmatzt im nassen Boden. Doch bedrohliche Schatten erschrecken das Licht, es zuckt zusammen und zittert erneut.

„Keine Angst, leuchtender Freund“, sagt der Bärmann sanft. „Die Schatten sind nur da, weil du Licht für uns bist. Sie sind nicht böse, auch wenn sie schaurig aussehen. Komm, die Spuren führen weiter. Ich gehe voran!“

Zaghaft folgt das Irrlicht dem Bärmann, seinem einzigen Freund im dunklen Wald. „Allein hat man leicht Angst“, stellt das Irrlicht stumm fest.Doch ein Freund schenkt mir Schutz!“

Am Rand einer Lichtung bleiben sie stehen. Ein krummes Häuschen steht mitten auf ihr, mit Licht in den Fenstern und Rauch vom Schornstein. Der Bär zaudert sichtlich, das Irrlicht summt fragend.

„Da wohnt die böse Hexe, sie frisst gerne Tier. Doch mag sie auch Kinder? Das frage ich mich. Geh vor, leuchtender Freund, und schau ins Fenster für mich!“

Mit flackernden Leuchten schwebt das Irrlicht zum Haus und spähte durch das Fenster.

Drinnen eine krumme Frau mit riesiger Nase. „Ob Sie ein Troll ist?“, fragt es sich. Doch ist ihre Haut blass mit einem leichten rosa Schimmer. Und Trolle sind blau oder auch grau, dass weiß jedes Kind und auch unser Irrlicht.

Die Hexe steht summend an einem riesigen Kochtopf, wo sie Pilze und allerlei Kraut hineinwirft. Das Irrlicht schwebt weiter und schaut in die Ecken des Häuschens, doch nirgends eine Spur des Kindes zu sehen.

Dann dreht sich die Hexe um und blickt mit freundlichem Blick direkt auf das Irrlicht. Sie spricht mit erhobenem Kochlöffel: „Ein Irrlicht, ach wie fein. Kleiner Freund soll ich dir helfen, das Kind zu finden?“

Sie kommt näher zum Fenster und neugierig schwirrt das Irrlicht hin und her. „Sie wirkt gar nicht bös‘“, stellt das Irrlicht fest.

„Komm nur herein und sag mir, wo du dein Kindlein verloren hast. Ich helfe dir suchen und geb‘ ihm ein Heim.“

Ein Heim?“, summt das Irrlicht. „Es hat schon ein Heim!

Natürlich versteht die Hexe es nicht, doch seine Empörung scheint sie zu spüren und spricht dann ganz schnell: „Es braucht doch ein liebevolles Heim, seine Eltern sind böse und haben es hier ausgesetzt. Wie sonst sollte ein Kindlein ins Sumpf geraten?“

Zwei Schritt noch entfernt, hebt sie einen Kochtopf und lässt ihn dann sausen, doch das Irrlicht ist flink und lässt sich nicht fangen.

In hastiger Eile schwirrt es zurück zum Waldrand, wo sein Freund schon auf es wartet. „Ihre Worte sind Gift, nur Lügen und Flüche. Sie ist eine arme Frau, sei ihr nicht böse. Ihr Herz ist so schwarz, wie der dunkle Morast, drum lebt sie hier. Ganz einsam und allein.“

Mit traurigen Summen schaut das Irrlicht zurück, ob die Hexe einst auch ein Irrlicht erschuf? Vielleichte konnte es ihr aus dem Sumpfe nicht helfen, da wurde sie Teil des Moores stattdessen.

Entschlossen plustert es sich auf und schwebt dann fix weiter. Seinem Kind würde dies nicht passieren, es würde es finden. Ein Irrlicht bringt Hoffnung und Licht in das Herz, den aus riesiger Angst, wird mächtiger Mut.

Hinter dem Irrlicht trottet der Bärmann, es hört ihn schnuppern. Mal hierhin mal dorthin. „Schau, mein leuchtender Freund. Dort sind seine Spuren.“

Tatsächlich! Da sind sie und auch noch ganz neu.

Durch das dichte Gestrüpp stapfen sie nun. Besorgt blickt das Irrlicht zu seinem Freund, denn die Dornen und Reben piksen den Bärmann, doch diese brummt nur: „Es mag jetzt zwar piksen, doch die Sträucher bringen Beeren. Ich lieb‘ sie dafür. Wir müssen es finden, sonst würde ich nie der Beeren Heim achtlos zertrampeln.“

Ein Schluchzen ist in der Stille nur hören, wo kommt es nur her? Das Irrlicht weiß sicher: „Das ist mein Kind!“

Immer schneller huscht es den lauten entgegen. Zurückbleibt der Bärmann, doch er spricht nur erfreut: „Find‘ dein Kind und ich find‘ dann dich, wir beide sind Freunde und bleiben das auch!“

Mit steigendem Mute saust das Irrlicht durch die Nacht. Die Schatten sind schaurig, doch gruseln es nicht mehr. Doch als ein Schrei die Stille durchbricht, flackert Angst in dem Irrlicht doch hoch.

Es hastet hinein in ein kleines Versteck. Die Höhle an den Wurzeln eines mächtigen Baums. Es schließt die Augen und zittert ganz doll. Doch eine dünne Stimme fragt ihn dann schluchzend: „Du tust mir doch nicht? Ich habe solche Angst!“

Aufgeregt blickt das Irrlicht sich um, da sitzt es ganz dreckig, sein Kind. Freude entfacht das Feuer des Irrlichtes. Groß und schützend spendet es Licht. Es fliegt sanft näher und summt dann beruhigend.

Kleine Finger strecken sich nach dem Licht, wohlige Wärme schenkt es dem Kind und hüpft dann vor Freude um es herum.

„Du hast es gefunden, mein leuchtender Freund“, brummt es vom Eingang und das Kind schreit ganz laut. Doch beruhigend schmiegt sich das Irrlicht an seine Wange dann ran, es summt und es singt ein liebliches Lied.

„Hab‘ keine Angst, ich bin nur ein Bär. Oder ein Mann. Ich weiß es doch nicht. Das Irrlicht ist deins und es will dir helfen, nach Hause zu kommen. Genauso wie ich.“

„Nach Hause zu meinen Eltern?“, schnieft dann das Kind.

„Ja, sie bangen ganz sicher um dich. Willst du denn Heim?“, der Bärmann legt sich nieder, um kleiner zu sein. Sein massiger Körper versperrt zwar den Eingang, doch missen sie das Mondlicht nicht, denn das Irrlicht leuchtet ganz stark.

„Ich bin vom Weg abgekommen, als ich mit dem Ball spielen wollte. Ja, ich will schnell nach Hause.“

„Dann komm raus und steig auf meinen Rücken. Ich trag dich nach Haus und das Irrlicht scheint heute nur für dich.“

So setzt sich das Kind auf den riesigen Rücken und hält sich am Kragen des Hemdes dann fest. Den Weg hinaus, kennt das Irrlicht gewiss und erleuchtet die Dunkelheit für seine ungleichen Freunde.

„Bist du ein Mann oder ein Bär?“, fragt das Kind jetzt mit neugieriger Stimme, denn die Angst ist verschwunden.

„Ich bin weder Bär, noch bin ich recht man. Ein Bärmann bin ich und meine Frau Bärfrau lebt mit mir im tiefsten Sumpf. Wir haben auch Bärkinder, sechs an der Zahl.“

„Und du Irrlicht? Lebst du auch hier?“

Das Irrlicht summt leise und traurig daher, denn es wird ihm jetzt klar: „Ein Irrlicht lebt nur, wenn es gebraucht wird. Ist das Kind aus dem Wald, habe ich keinen Lebenssinn mehr.

„Fürchte dich nicht, mein ängstlicher Freund“, sagt der Bär dem schwächer werdenden Irrlicht entgegen. „Du wirst noch gebraucht, solange du Freunde in diesem Wald hast. Meine Frau freut sich sicher über noch einen Gast in unserem Heim.“

„Und vielleicht komm ich nochmal hierher, dann brauche ich wieder ein helfendes Licht!“, ruft das Kind begeistert und rutscht fast vom Bärmanns Rücken herunter.

Voll Freude erhellt das Irrlicht wieder den Weg und stellt dann fest, dass sie sind, schon am Pfad den die Menschen geschaffen. Das Kind springt herunter und verabschiedet sich von seinen neuen Freunden.

Das Irrlicht und der Bärmann folgen dem Kind noch ein Stückchen, doch als die Laternen der Eltern erglimmen, gehen sie hinein in den Sumpf. Ihr Zuhause.

Ein Bild von einer Lichtung im Wald mit Nebel und einer Laterne aus der ein Irrlicht geboren wird, sowie vielen kleinen Lichtpunkten.

Cover Neinhorn - Märchen: Irrlicht

Ein wunderbares Märchen ist übrigens auch
Das NEINhorn„*
von Mark-Uwe Kling und Astrid Henn aus dem Carlsen Verlag!

Denn sogar bockig sein macht zusammen viel mehr Spaß!


*nur eine Leseempfehlung, keine bezahlte Werbung.

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