Eindrücke aus der Tagesklinik

Waldplatz mit Blick auf See

Einige meiner Bekannten hatten selbst bereits Erfahrungen in Tageskliniken sammeln können und daher erschien es mir am Anfang keine gute Idee selbst eine aufzusuchen. Im Nachhinein eigentlich eine unschöne Begebenheit. Ob eine Tagesklinik zu einem guten oder schlechten Erlebnis wird, hängt nur zum Teil von der Klinik oder dem Team ab. Viel wichtiger ist die eigene Einstellung zu dieser Form der Behandlung, ohne den Willen an sich selbst zu arbeiten, kommt es zu negativen Erlebnissen und Erfahrungsberichten.

Dies ist für das ein oder andere Krankheitsbild schwer nachzuvollziehen, fühlt man sich doch häufig nur als Opfer der Umstände. Natürlich spielt das Umfeld eine entscheidende Rolle, doch selbst einzuschätzen – ob eine Tagesklinik der richtige Weg für einen ist – liegt immer noch auf der Seite des Patienten. Und wenn man sich unsicher ist, sollte man zumindest versuchen unvoreingenommen an die Sache heranzugehen.

Die Abwägung

Ich hörte von meinen Bekannten, dass die Tagesklinik hauptsächlich auf Warten auf die nächste Therapiestunde beinhalten würde. Viel Leerlauf und wechselnde Gruppenmitglieder. Rollierende Gruppentherapie. Immer wieder neue Menschen auf die man sich einlassen muss und dann auch noch wenig verlässliche Betreuung.

Aber mein Psychiater zog mir den Zahn und als ich ihn fragte, ob er eine Tagesklinik für mich für sinnvoll hielt, konnte er mich etwas beruhigen. Wenn er solche Erfahrungen erhielt, handle es sich meistens um Menschen, die nicht Gruppentherapie-geeignet wären. Auch das gibt es.

Ich suchte also nach Tageskliniken in Hamburg und wurde recht schnell fündig. Das Konzept, welches mir am meisten zusagte, war eine Klinik für achtsame Depressionsbehandlung bzw. Stressmedizin. Das Konzept war auf 8 Wochen ausgelegt und für mich am interessantesten: Die Gruppen waren fest und nicht rollierend.

Nach einem Anruf kam ich auf die Warteliste, nach einer Info-Veranstaltung rutschte ich innerhalb von 14 Tagen in die Therapie. Wow!

Die Ankunft in der Tagesklinik

Dank Corona lief der erste Tag nur auf einen Test und eine kurze Vorstellungsrunde hinaus. Man hatte Zeit die anderen Gruppenmitglieder zu beschnuppern ohne, dass man sich direkt in die Therapie stürzte. Im Verlauf der Woche begannen sich die einzelnen Gruppenmitglieder zu öffnen und obwohl wir alle unterschiedliche Gründe für die Tagesklinik hatten, konnte man Gemeinsamkeiten feststellen. Gerade die Mischung aus den verschiedenen Lebensmodellen und Gesellschaftsschichten brachten bereits in der ersten Woche neue Erkenntnisse zum eigenen Leidensweg.

Die erste Woche über hatten wir zudem die Gelegenheit uns in dieser sicheren Umgebung zu entspannen, wir lernten ein bisschen was über uns und die Achtsamkeit, pflegten einen geregelten Tagesablauf und wurden körperlich untersucht.

Bereits in der zweiten Woche ging es darum sich in der Gruppentherapie zu öffnen und ein Einzelgespräch mit einem Therapeuten zu führen. Obwohl es mich Überwindung kostete, versuchte ich vor mir, der Gruppe und den Therapeuten so ehrlich wie möglich zu sein.

Wie sich Vertrauen aufbaut

Innerhalb der Tagesklinik habe ich verschiedene Arten von Vertrauen für mich selbst entdeckt. Zum einen erkannte ich, dass ich dem Team vollständig vertraute. Sie schafften es sich innerhalb von Minuten untereinander zu informieren und wussten stets wie es den einzelnen Gruppenmitgliedern geht. Auch wenn es einem Mal schlecht ging, zeigten sie dafür Verständnis.

Eine andere Art Vertrauen baute sich innerhalb der Gruppe auf. Egal was wir der Gruppe beichteten, wir wurden dafür nicht verurteilt und es bildete sich keinerlei Ablehnung. Natürlich bildeten sich auch in der kleinen 8 Mann Gruppe kleinere Grüppchen, doch niemals exklusiv. Egal wo man sich anschloss oder wer zu einem kam, er wurde eingebunden. Auch half einen die Gruppe mit Gefühlen, die man sich selbst vielleicht gar nicht zugestand auszusöhnen.

Natürlich hatten auch wir unsere Reibereien, das bleibt wohl in einer so persönlichen Therapie nicht aus, doch es blieb stets bei kleinen Manövern und keinem großen Krieg. Und wenn man feststellte, dass jemand mit einem Thema nicht klarkam, führte man es nicht weiter.

Und letztendlich kam auch das Vertrauen in mich selbst wieder zum Vorschein. Ich lernte mich selbst und meinen Körper neu kennen, was mir selbst zeigte, wie viel Stärke eigentlich in mir steckte. Meine Depression machte mich nicht schwach, denn ich war in der Klinik und arbeitete an mir selbst. Das erfordert viel Stärke und Mut.

Das nehme mit nach Hause

Neben einer wundervollen intensiven Erfahrung, die die Tagesklinik mir ermöglicht hat, nehme ich einen großen Werkzeugkoffer und eine neue Gruppe an Menschen mit. Mit allen aus der Tagesklinik kann ich jederzeit Kontakt aufnehmen und einige meiner Gruppe sind zu echten Freunden geworden.

Zudem habe ich nun Pläne für meine Zukunft und wieder etwas Zuversicht. Meine Depression ist nach wie vor da und will behandelt werden, aber ich bin nicht mehr meine Krankheit.

Und letztendlich habe ich ein paar neue Hobbys mitgenommen. Darunter Nordic Walking und Qi Gong.

Ein Berg in Öl, vor der Tagesklinik entstanden. Recht trist.

Für mich war die Klinik die richtige Entscheidung und ich empfehle sie jedem, der sich selbst in der Lage sieht sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Es erfordert Mut und den Willen sich selbst auch vor einer Gruppe zu öffnen. Auch bietet es einem die Möglichkeit sich selbst bei der Hilfe anderer einzubringen. Anders als eine stationäre Therapie bietet die teilstationäre Therapie (die Tagesklinik) die Möglichkeit das gewonnene Wissen auch direkt in den Alltag einzubringen. Wenn man sich also noch in der Lage sieht sicher zu Hause seine Abende zu verbringen, sollte man diese Möglichkeit bei einer psychischen Erkrankung auf jeden Fall einmal mit seinem Arzt besprechen.

Die deutsche Depressionshilfe bietet übrigens eine Kliniksuche an!


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