#01 Journal – Vom Üben

Hamburger Hafen - Sonnenuntergang

Liebes Journal,

Nicht Üben ist auch Üben.

Ich sitze an meinem Schreibtisch in der Wiedereingliederung und bin kurz davor jemanden mit ausgefahrenen Krallen ins Gesicht zu springen. Ich merke, dass ich gerade nicht besonders achtsam bin und freue mich, dass mir das bewusst geworden ist. Dann denke ich nach und stelle fest: Laura, du hast das Üben der Achtsamkeit aktuell ziemlich vernachlässigt.

„Wann hast du dich denn das letzte Mal hingesetzt und meditiert?“, frage ich mich selbst.

Und die Wahrheit ist ernüchternd. Die letzte Woche ist es wegen dem Stress der Wiedereingliederung nahezu ausgefallen. Stattdessen habe ich mich jeden Tag bei der Erinnerung durch mein Smartphone jedes mal entschieden heute nicht zu meditieren.

In der Klinik sollten wir uns mal bewusst werden, warum wir noch keine regelmäßige Zeit für das Üben in unser Leben etabliert haben und was uns daran hindert. Damals dachte ich, dass es eigentlich ganz gut bei mir läuft. Das ich nach der Klinik das Üben vielleicht nicht mehr täglich betreiben würde, war mir irgendwo klar, aber eine ganze Woche Ausfall geht nicht.

Ich hatte einen Rückfall in meine depressiven Verhaltensmuster. Ich entschloss mich ein paar Mal nicht zu üben und entwickelte so die Gewohnheit es nicht zu tun. Tja, blöd wenn sich mein trotzdem noch bewussterer Teil meines Geistes in der Lage sah dieses Muster zu erkennen. Nun befinde ich mich in der außerordentlich schwierigen Lage meinen Geist die Gewohnheit des „nicht Übens“ wieder abzutrainieren. Etwas, dass nur durch stetiges üben geschehen kann.

Aus der Wut zum Atmen

Da saß ich nun also, mal wieder an meinem alten Arbeitsplatz und schon wieder über alle Maßen wütend. Das war einer der Gründe mich krankschreiben zu lassen. Diese Wut. Dieser Hass auf die Arbeit. Diese Frustration, die meine Depression nährte. Und sie war wieder da. Nach nicht einmal einem Monat Wiedereingliederung.

Aber dieses Mal erkannte ich sie! Und das machte mich stolz. Ich habe erkannt, dass dieses Thema mich gerade persönlich berührt und in mir die Gefühle von Hass und Stress verursachen. Das war der erste Schritt: Sich bewusst werden was geschieht, wenn es geschieht. Und dieses Mal hatte ich Werkzeuge, mit denen ich dagegen ankommen konnte.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die Welt nicht untergeht, wenn ich kurz fünf Minuten frische Luft hole, ging ich bewaffnet mit meinem Handy und Ohrstöpseln raus und schaltete eine meiner Meditation-Apps an. Ich wurde bei Insight Timer fündig. Unter den geführten Meditationen gab es eine 3-Minuten Atemübung, die mir direkt angeboten wurde.

Ich lauschte also der Stimme des Sprechers, während ich mir in Erinnerung rief, wieso ich meditierte. Nicht um die Wut loszuwerden und eine produktive Mitarbeiterin zu sein, sondern für mich selbst. Ich übte zu Atmen für mich selbst. Denn Achtsamkeit ist nichts, was man mit einem Ziel gut üben kann. Unbewusst haben wir natürlich immer ein Ziel vor Augen, doch sich entschieden hinzusetzen und zu sagen: „Ich meditiere jetzt, um nicht mehr sauer zu sein!“, das klappt einfach nicht.

Stattdessen versuchte ich nach der Atemübung zu erfahren, was mich so sauer gemacht hatte. Zufrieden stellte ich fest, dass der wütende Anteil in mir einfach darüber wütend war, dass er alleine im Büro saß und Dinge managen musste, die so in einer Wiedereingliederung nicht geklärt werden sollten. Damit konnte ich arbeiten.

Musste ich die Dinge denn wirklich heute klären, wo ich alleine war? Nein! Ich konnte einfach meinen Tagesplan weiterverfolgen und am nächsten Tag dann die Abklärung mit meinem Chef machen. So würde der Kunde einen Tag warten, dafür dann aber eine professionelle Antwort ohne unterschwellige Wut erhalten.

Nach 3 Minuten „Durchatmen üben“ war ich in der Lage mein Problem zu lösen. Und vielleicht bin ich beim nächsten Mal achtsam genug, um bereits beim Aufflammen der Wut diesen Schritt zu tun. Vielleicht auch nicht.

Zurück zum Üben

Hätte ich mich in der letzten Woche weiter mit meiner Meditation beschäftigt, hätte ich vielleicht schneller reagieren können, stattdessen übte ich jedoch nur nicht zu üben. Dieser kleine Erfolg durch eine 3 Minuten Atemübung zeigte mir deutlich, dass ich das Üben der Achtsamkeit vernachlässigte.

Noch am selben Tag entschloss ich mich wieder zumindest jeden zweiten Tag meine Meditation einzuhalten. Und nun klappt es zumindest häufiger, obwohl mich die Arbeit manchmal in den Wahnsinn treibt. Und manchmal bin ich einfach bereits beim Aufstehen zu müde. Und es gibt noch hundert andere Ausreden, aber Stück für Stück nähere ich mich einer für mich gesunden Meditationspraxis.

Beim Üben entdeckte Möwe am Kanal.

Denn wie ich in Achtsamkeit – sinnvolle Heilung schrieb, ist das Üben einer der einfachsten und schwierigsten Wege zur Achtsamkeit.


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